Zürich möchte so gern wieder wild sein

Mehr Mut! Mehr Räume! Das fordern junge Kreative von der Stadtpräsidentin. Dabei hat Zürich in den letzten Jahren die Alternativkultur stark unterstützt und so vielleicht zu Tode gefördert.

Von Regula Freuler

Was wir wollen, kann uns niemand geben, deshalb kümmern wir uns selber darum.
Bild: NZZ / Christian Beutler
Seit drei Monaten ist Peter Haerle der neue Kulturchef der Stadt Zürich – der erste nach 27 Jahren, in denen sein Vorgänger Jean-Pierre Hoby die Kultur der Stadt massgeblich geprägt hat. «Welche Kultur braucht Zürich?», hiess das Podiumsgespräch, zu dem Haerle letzten Montag einlud. 300 Interessierte kamen. Der Tenor an diesem Abend lautete: Zürichs Kultur sollte mutiger sein. Und Zürichs Kultur braucht mehr Räume.

Die Forderung nach mehr und zahlbaren Räumen ist einerseits naheliegend: Die Bevölkerung ächzt unter hohen Mieten und Wohnungsnot; das ehemalige Hotel «Atlantis», das seit 22. Oktober von Kulturaktivisten besetzt war, am Tag nach dem Podium geräumt werden sollte und in der Nacht auf Dienstag freiwillig verlassen wurde, bot ein akutes Beispiel.

Andererseits kann man beim reichhaltigen kulturellen Angebot in der Stadt fragen: Wem fehlt es noch an Unterstützung? Die letzten dreissig Jahre waren ein einziger Siegeszug der alternativen Kultur, die damals mit Gegenkultur gleichgesetzt werden konnte. Ende der siebziger Jahre gab es in Zürich das Opernhaus, das Schauspielhaus, das Kunsthaus, die Tonhalle und ein paar Kinosäle. Allein im Bereich Museen werden heute 21 Häuser direkt oder indirekt von der Stadt unterstützt. Im Bereich Theater werden von 81 Spielstätten 10 direkt subventioniert, viele weitere indirekt. 2011 werden Fördergelder von knapp 96 Millionen Franken vergeben. Die einstige Gegenkultur ist etabliert. «Heute gehen 4,7 Millionen Franken in die freie Szene, projektezogen und nicht an Institutionen gebunden», betont Corine Mauch im Gespräch. Wer würde da nicht einen Ort, einen Zustupf für seine Tanz-Performance, für seinen Lyrikband bekommen?

Institutionen sollen Profil zeigen

Und noch eine gute Nachricht für Künstler und sonst Kreative: Corine Mauch möchte das Schwergewicht bei der Förderung etablierter Institutionen wie Schauspielhaus oder Kunsthaus nicht über die vorgesehenen Projekte hinaus stärken, weil dort in den letzten Jahren viel investiert worden sei. Auf die Frage, worauf das neu Leitbild, das im Sommer 2011 vorgestellt wird, den Fokus richtet, können Mauch und Haerle noch keine näheren Angaben machen. Sicher ist, dass die bisherige Förderpolitik nicht umgekrempelt wird. Und dass die Institutionen sich klarer profilieren müssen. «Die Tendenz ist, dass alle alles machen wollen. Da ist es unsere Aufgabe zu steuern», sagt Mauch.

Klar ist, dass die Stadt die Forderung nach bezahlbaren Räumen zur Kenntnis genommen hat und in dieser Richtung aktiv ist – wenngleich sie es beim «Atlantis» nicht war. In Schwamendingen wird ein ehemaliges Amag-Gebäude gemietet und zur Verfügung gestellt. Und vom Container-Dorf «Basislager » in der Binz ist Mauch geradezu begeistert. Es gilt als Vorzeigeprojekt – und in der Szene als hip. Die Stadt ist in Gesprächen das «Basislager» zu kaufen.

Während die Stadt beim Problem der Räumlichkeiten zu einer Entschärfung beitragen kann, muss die Forderung nach mehr Mut an die Kulturschaffenden direkt gehen. Oder soll Gegenkultur staatlich gefördert werden? Willkommen in Absurdistan! Aber was heisst das eigentlich: Mehr Mut? Steckt hinter solchen äusserungen nicht einfach die romantische Sehnsucht des partygesättigten Stadtzürchers nach mehr Bewegung, nach Aufbruch? Hat uns das überreiche Kulturangebot zu Adabeis gemacht? Fehlt die Not als Nährboden für Kreativität? Hat man in Zürich Widerständiges, sich reibendes zu Tode gefördert? Schliesslich beisst man die Hand nicht, die einen füttert – und wenn man es tut, bleibt man unglaubwürdig.

Aufbruch beginnt im Kopf

Bei diesem diffusen Wunsch sind wohl nicht in erster Linie unkonventionelle Kunstprojekte gemeint, denn für jede Sonderkunstform scheint es ein Plätzchen und ein Tröpfchen zu geben. Es geht, so war während der Podiumsdiskussion herauszuhören, um Unruhe, bis zu einem gewissen Grad auch um Gegenkultur. Und wo findet diese noch statt? In besetzten Räumen wie dem «Atlantis»? Eigentlich müsste man sagen: Aufbruch beginnt in den Köpfen. Erst danach braucht man Räume. «Mir gefällt der Ausdruck Gegenkultur nicht», sagt Corine Mauch. «Es geht doch nicht einfach darum, gegen etwas zu sein, sondern etwas Eigenes zu initiieren. Da gehört das Erobern der Räume zwangsläufig ein Stück weit dazu. » Sie nennt das «Helsinki» als positives Beispiel. Keine Frage, der von Pipilotti Risst Bruder Tom geführte Musikklub ist auch ein ziemlich hipper Ort. Wie steht es aber mit den weniger Hippen Besetzungsaktionen?

Beim ehemaligen Fabrikareal an der üetlibergstrasse 111, ebenfalls in der Binz, das seit 2006 von Kulturschaffenden und Alternativen besetzt wird, zeigt sich der Staat kulant. Das Areal gehört dem Kanton. Mangels Abbruchtermin gibt es vorerst kein neues Räumungsultimatum. Man wird weitgehend in Ruhe gelassen. Vielleicht liegt das auch daran, dass die Besetzer – sie lassen sich nicht individuell, sondern nur als Kollektiv «Familie Schoch» zitieren – ihr Projekt weniger als Kultur- und Veranstaltungsort verstehen denn als «Teil einer vielschichtigen Subkultur, zu der auch Widerständigkeit gehört». Es geht ihnen nicht per se um Kultur wie der «Familie Donovan» (so nannten sich die «Atlantis»-Besetzer), die im Geiste des legendären Chelsea-Hotel in New York einen Raum für nichtkommerzielle Kultur schaffen wollte. An der üetlibergstrasse gibt es Werkstätten, Probe- und Trainingsräume; manche der 40 Bewohner sind freiberuflich künstlerisch tätig, andere haben Jobs. «Uns geht es um Selbstbestimmung und gemeinschaftliches Leben», sagt «Familie Schoch». Auch sie sieht das Hauptproblem in den hohen Preisen, der Raumknappheit und der «Verregulierung». «Was wir wollen, kann uns niemand geben, deshalb kümmern wir uns selber darum.» Man kann ihnen nur recht geben: Wer seine Kreativität ans Kulturamt delegiert, kann auch weiterhin Party machen.

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